Erbfolge mit Testament: Allgemeines, Pflichtteil & Verhältnis zur gesetzlichen Erbfolge

Die gesetzliche Erbfolge ist in der Schweiz eindeutig geregelt. Die Erbfolge mit Testament kann hingegen vergleichsweise frei festgelegt werden. Trotz dessen, dass Testierfreiheit herrscht, gibt es gesetzliche Einschränkungen durch den Pflichtteil bei Erbfolge mit Testament. Manche Verwandte bekommen stets einen Teil des Nachlasses. Das gilt auch dann, wenn es der Erblasser nicht möchte, dass diese Personen erben. In diesem Beitrag erfahren Sie, wie Sie die Erbfolge mit einem Testament modifizieren können, welche Einschränkungen gelten und warum auch die gesetzliche Erbfolge relevant ist, um berechnen zu können, welcher Teil des Nachlasses frei verteilt werden darf.

Inhaltsverzeichnis

Gesetzliche Erbfolge vs. Erbfolge mit Testament

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten in der Schweiz zu erben. Entweder erben Sie nach der gesetzlichen Erbfolge oder der Erbfolge, die von einem Testament bestimmt wird. 

Die Erbfolge, die eintritt, wenn ein Testament vorliegt, wird in der Schweiz auch “gewillkürte Erbfolge” genannt. Sobald ein Testament erstellt wurde, gilt diese. Die gesetzliche Erbfolge tritt hinter dem Testament zurück und kommt nicht zur Anwendung. Lediglich die gesetzlichen Vorschriften bezüglich des Pflichtteils kommen auch dann zur Anwendung, wenn die Erbfolge mit einem Testament geregelt wurde.

Gestaltung der Erbfolge durch Testament

Der Erblasser hat durch das Testament die Möglichkeit, seinen Nachlass nach seinen eigenen Vorstellungen zu verteilen. Er ist nicht an Gesetze gebunden und muss lediglich den Pflichtteil beachten. Darüber hinaus gibt es keine Verpflichtungen und es kann jeder beerbt werden – auch Vereine oder gemeinnützige Organisationen. Neben dem Vererben von Sachgütern ist es auch möglich, Personen durch ein Testament zu enterben. 

Bedeutet: Sie können bestimmte Personen von der Erbfolge mit dem Testament ausschließen. Beispielsweise ist es möglich, dass Person A in seinem Testament seine Ehefrau B und das Kind D erwähnt. Kind C findet keine Beachtung. Nach der Erbfolge mit Testament könnte es so aussehen, als würde Kind C nichts erben. Tatsächlich ist dies jedoch nicht der Fall, denn Kind C hat als direkter Nachkomme des Erblassers einen Pflichtteilsanspruch. Anders würde es aussehen, wenn beispielsweise die Schwester unerwähnt bleibt. Diese würde dann tatsächlich nichts erben.

Einschränkungen der Erbfolge mit Testament: Pflichtteil

Das Gesetz spricht bestimmten Personen – auch wenn Sie in der Erbfolge mit Testament nicht bedacht wurden – einen gewissen Anteil am Erbe zu. Dieser Anteil wird auch Pflichtteil genannt und kann nicht umgangen werden. Völlig egal, was der Erblasser verfügt, der Pflichtteil kann immer eingeklagt werden. Einzige Ausnahme ist, wenn der Erbe erbunwürdig ist. Die Voraussetzungen dafür sind jedoch hoch. Der rechtliche Grund dafür, dass manchen Personen ein Pflichtteil zusteht, ist, dass die Personen nach dem Tod des Erblassers wirtschaftlich abgesichert werden sollen. Es ist eine Art der Sorge für die nahen Angehörigen nach dem Tod – unabhängig von den persönlichen Verhältnissen zu Lebzeiten.

Wer hat einen Anspruch auf den Pflichtteil?

Pflichtteilsberechtigt sind prinzipiell der Ehepartner, eingetragene Lebenspartner, Nachkommen und Eltern. Eltern haben nur dann einen Anspruch auf den Pflichtteil, wenn der Erblasser keine Kinder hatte. Dem Ehegatten stehen 50% vom gesetzlichen Erbteil zu, den Kindern sogar ¾ der gesetzlichen Erbquote und den Eltern wiederum 50 % vom gesetzlichen Erbteil. Wie hoch der Pflichtteilsanspruch bei Erbfolge mit Testament ist, hängt davon ab, wie sich die gesamte Konstellation gestaltet. Lassen Sie sich dahingehend am besten von einem Anwalt für Erbrecht beraten.

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Berechnung der “freien Quote” für ein Testament

Der Teil, den der Erblasser vererben kann, wie er möchte, wird auch freie Quote genannt. Die freie Quote lässt sich mit einer einfach erscheinenden Rechnung ermitteln: Vermögen – Pflichtteil = freie Quote. Stirbt der Erblasser, so wird die freie Quote nach den Bestimmungen des Testaments vererbt.

Ein Beispiel zum besseren Verständnis:

Person A hinterlässt die Ehefrau B und zwei Kinder. Das Vermögen beträgt insgesamt 100.000 CHF. Fraglich ist nun, wie hoch die Pflichtteilsansprüche sind.

  • Der Frau stünden laut Gesetz 50 % des gesamten Erbes zu: 50.000 CHF.
  • Die Kinder würden jeweils die andere Hälfte erben: 25.000 CHF pro Kind.

Nun bestimmt sich die Erbfolge nach dem Testament und nicht nach der gesetzlichen Erbquote. Deshalb muss der eben berechnete Betrag auf den Pflichtteil heruntergebrochen werden:

  • Die Ehefrau bekommt 50 % des gesetzlichen Erbteils: 50.000 CHF x 0,5 = 25.000 CHF.
  • Die Kinder bekommen ¾ des gesetzlichen Erbteils: 25.000 CHF x 0,75 = 18.750 CHF.

Nun müssen diese Zahlen in die oben genannte Formel eingesetzt werden:

  • Freie Quote = 100.000 CHF – 25.000 CHF (Ehefrau) – 2 x 18.750 (Kinder) = 37.500 CHF

In unserem Beispiel könnten 37.500 CHF frei aufgeteilt werden. Die Erbfolge mit Testament könnte dahingehend angepasst werden, dass diese 37.500 CHF beispielsweise an eine gemeinnützige Organisation gehen sollen.

Wie kann ein Anwalt bei der Erbfolge mit Testament helfen?

Ein Testament ist ein wichtiges Dokument und nicht selten leider der Ausgangspunkt für unschöne Erbstreitigkeiten. Uneindeutige Formulierungen, die Nichtbeachtung von Pflichtteilsansprüchen und nicht klar abzugrenzende Änderungen sorgen dafür, dass sich die Erben nach dem Tod um den Nachlass streiten. Um eine solche Situation im Voraus zu verhindern, sollten Sie sich von einem Anwalt für Erbrecht beraten lassen.

Ihr Anwalt für Erbrecht unterstützt Sie dabei, ein rechtssicheres und wirksames Testament zu formulieren. Außerdem steht er Ihnen für alle Fragen bezüglich des Erbrechts zur Verfügung. Der Anwalt hilft Ihnen auch dabei, die Pflichtteilsansprüche korrekt zu berechnen und die freie Quote zu ermitteln. Sollten Sie bereits selbst ein Testament verfasst haben, so sollten Sie dieses unbedingt von einem Anwalt für Erbrecht überprüfen lassen. Wenn Sie nun einen Erbrechtsanwalt suchen, dann sollten Sie unsere Anwalts-Suchfunktion nutzen. Dort finden Sie auf einen Blick kompetente Anwälte in Ihrer Nähe. Vereinbaren Sie kostenlos einen ersten Beratungstermin und regeln Sie Ihren Nachlass rechtzeitig und rechtssicher.

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FAQ: Erbfolge mit Testament

In der Schweiz sind lediglich drei Personengruppen zwingend pflichtteilsberechtigt: die direkten Nachkommen (Kinder), der Ehegatte und der eingetragene Lebenspartner, sofern man nicht verheiratet ist. Sollte es keine direkten Nachfahren geben, so treten die Eltern des Erblassers an die Stelle der Kinder und sind dementsprechend pflichtteilsberechtigt. Sobald jedoch Kinder vorhanden sind, haben die Eltern des Erblassers keinen Anspruch mehr auf den Pflichtteil. Weiter entfernt Verwandte (z.B. Geschwister, Onkel, Tante usw.) haben indes keinen Anspruch auf den Pflichtteil in der Schweiz. Der Gesetzgeber sieht vor, dass der Pflichtteil nur zusteht, wenn die pflichtteilsberechtigte Person in einer gewissen Abhängigkeit bzw. Nähe zum Erblasser steht. Der Pflichtteil soll in diesen Fällen den Überlebenden wirtschaftlich absichern.

Die gesetzliche Erbfolge ist die Erbfolge, die eintritt, wenn der Erblasser verstirbt und es kein Testament, Erbvertrag oder ähnliches gibt. Das Gesetz (Schweizer Zivilgesetzbuch ZGB) legt klar fest, wer was in welcher Konstellation erbt. Im Gegensatz zur gesetzlichen Erbfolge kommen beim Erben durch Testament nicht die Vorschriften des ZGB in Betracht. Der Erblasser kann in seinem Testament frei verfügen, wer welchen Teil seines Nachlasses bekommen sein. Eingeschränkt wird die Testierfreiheit in der Schweiz lediglich durch den Pflichtteilsanspruch, den gewisse Personen geltend machen können (bspw. der Ehegatte). Grundsätzlich können auch Personen Erben sein, die nicht mit dem Erblasser verwandt sind. Diese müssen in jedem Fall ausdrücklich im Testament genannt werden.

Es kommt entscheidend darauf an, ob Geschwister im Testament erwähnt werden oder nicht. Sollte der Erblasser beispielsweise nur seine Schwester erwähnt haben, nicht aber seinen Bruder, so würde nur die Schwester erben. Der Bruder hat keinen Anspruch auf einen Teil des Erbes, da er durch das Testament konkludent von der Erbschaft ausgeschlossen wurde. Auch ein Anspruch auf Pflichtteil kann nicht geltend gemacht werden. Das hat damit zu tun, dass in der Schweiz Geschwister allgemein keinen Anspruch auf einen Pflichtteil haben. Damit die Schwester oder der Bruder erbt, muss er / sie also im Testament explizit erwähnt werden.

Ein Beitrag unserer Online-Redaktion
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