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Vorsorgeauftrag, Nachlassplanung und internationale Dimension im Schweizer Recht

Rechtstipp von Dominique Calcò Labruzzo


Ganzheitliches Recht im Erbrecht bedeutet, den Menschen, seine Familie, sein Unternehmen und sein Vermögen als zusammenhängendes System zu betrachten. Es geht nicht nur um Quoten und Pflichtteile, sondern um Verantwortung – zu Lebzeiten und darüber hinaus.

In der Schweiz bietet das geltende Recht mit dem Vorsorgeauftrag, dem Ehe- und Güterrecht sowie der Erbrechtsreform 2023 moderne Instrumente. Doch diese Instrumente entfalten ihre Wirkung nur, wenn sie strategisch und integriert eingesetzt werden.

 

1. Erbrecht beginnt vor dem Todesfall

Viele Menschen verbinden Erbrecht ausschliesslich mit dem Tod.

Ganzheitlich gedacht beginnt Nachlassplanung jedoch mit der Frage:

Was geschieht, wenn ich urteilsunfähig werde?

Ein Unfall, eine Krankheit oder eine kognitive Einschränkung können jederzeit eintreten. Ohne klare Regelung greifen gesetzliche Vertretungsmechanismen – unter Umständen mit Beteiligung der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB).

Hier setzt der Vorsorgeauftrag an.

 

2. Der Vorsorgeauftrag im Schweizer Recht

Der Vorsorgeauftrag ist ein Instrument des Erwachsenenschutzrechts. Er erlaubt einer urteilsfähigen Person, eine oder mehrere Vertrauenspersonen einzusetzen für:

  • Personensorge

  • Vermögenssorge

  • Vertretung im Rechtsverkehr

Formvorschriften

  • vollständig eigenhändig geschrieben, datiert und unterzeichnet
    oder

  • öffentlich beurkundet

Er tritt erst in Kraft, wenn die Urteilsunfähigkeit durch die zuständige Behörde festgestellt wird.

Der Vorsorgeauftrag schützt die Selbstbestimmung – aber nur, wenn er präzise formuliert ist.

 

3. Unternehmerische Verantwortung – kritischer Faktor

Für Unternehmer ist der Vorsorgeauftrag essenziell.

Ohne klare Regelung kann bei Handlungsunfähigkeit:

  • der Zugriff auf Bankkonten blockiert werden

  • die Geschäftsführung handlungsunfähig werden

  • gesellschaftsrechtliche Entscheide verzögert werden

  • Unsicherheit bei Mitarbeitenden und Geschäftspartnern entstehen

Ganzheitliche Beratung bedeutet

  • Abstimmung des Vorsorgeauftrags mit dem Gesellschaftsvertrag

  • klare Definition der Vertretungsbefugnisse

  • Regelung der Stimmrechtsausübung

  • Sicherstellung der operativen Kontinuität

Ein schlecht formulierter Vorsorgeauftrag kann mehr Probleme schaffen als lösen.

 

4. Verbindung von Güterrecht, Vorsorge und Erbrecht

Vor jeder Erbplanung steht das Güterrecht.

Je nach Güterstand (Errungenschaftsbeteiligung, Gütertrennung oder Gütergemeinschaft) verändert sich die Vermögensbasis erheblich.

Zentrale Prüfungsfragen

  • Wer verfügt im Fall der Urteilsunfähigkeit über eheliches Vermögen?

  • Wie beeinflussen lebzeitige Dispositionen spätere Pflichtteilsansprüche?

  • Bestehen potenzielle Interessenkonflikte zwischen Vorsorgebeauftragtem und Erben?

  • Ist die eingesetzte Person fachlich und emotional geeignet?

Ein Testament ohne abgestimmten Vorsorgeauftrag ist unvollständig.

 

5. Internationale Dimension – Anerkennung im Ausland

Ein zentraler Punkt, der häufig unterschätzt wird:

Ein Vorsorgeauftrag ist nach Schweizer Recht gültig.
Aber wird er im Ausland anerkannt?

Die Antwort lautet: nicht automatisch.

Typische Risikosituationen

  • Immobilien im Ausland

  • Bankkonten ausserhalb der Schweiz

  • Wohnsitzverlagerung

  • internationale Familien

  • unternehmerische Beteiligungen im Ausland

Andere Staaten kennen teilweise kein vergleichbares Instrument oder stellen zusätzliche Anforderungen an Form und Inhalt.

 

6. Praktische Risiken bei fehlender internationaler Prüfung

Wird die internationale Dimension nicht berücksichtigt, kann dies bedeuten:

  • Ausländische Banken akzeptieren den Vorsorgeauftrag nicht

  • Separate Gerichtsverfahren sind notwendig

  • Lokale Betreuungsverfahren werden eingeleitet

  • Vermögenswerte bleiben blockiert

Gerade bei vermögenden Familien mit internationalen Strukturen ist dies ein erhebliches Risiko.

 

7. Rechtstipp: Internationale Koordination

Ganzheitliche Vorsorgeplanung umfasst daher zwingend:

  • ✔ Analyse aller Vermögenswerte nach Rechtsraum

  • ✔ Prüfung der Anerkennung des Schweizer Vorsorgeauftrags im Ausland

  • ✔ gegebenenfalls Erstellung ergänzender Vollmachten

  • ✔ Abstimmung mit lokalen Beratern

  • ✔ Dokumentation der Vertretungsbefugnisse in mehreren Sprachen

Internationale Strukturen verlangen internationale Klarheit.

 

8. Familienkonstellationen – der systemische Blick

Der Vorsorgeauftrag ist nicht nur ein juristisches Dokument.
Er berührt Macht, Vertrauen und familiäre Rollen.

Typische Spannungsfelder

  • Patchwork-Familien

  • Zweitehen

  • Kinder aus unterschiedlichen Beziehungen

  • Unternehmerfamilien mit aktiven und passiven Nachkommen

  • Geschwister mit unterschiedlichen Erwartungen

Ganzheitliches Recht stellt hier die Frage:

Wer ist geeignet, im Ernstfall Verantwortung zu übernehmen – fachlich, emotional und ethisch?

Nicht jede erbrechtlich begünstigte Person ist automatisch die beste Vorsorgebeauftragte.

 

9. Prävention statt Eskalation

Erbstreitigkeiten entstehen häufig bereits in der Phase der Urteilsunfähigkeit.

Häufige Konfliktursachen

  • mangelnde Transparenz

  • fehlende Kommunikation

  • überraschende Vermögensdispositionen

  • Misstrauen gegenüber der bevollmächtigten Person

Elemente ganzheitlicher Beratung

  • strukturierte Familiengespräche

  • klare Dokumentation

  • Transparenz gegenüber Betroffenen

  • abgestimmte Rollenverteilung

Rechtssicherheit schafft Beziehungssicherheit.

 

10. Verantwortung über Generationen

Erbrecht und Vorsorge sind Ausdruck persönlicher Haltung:

  • Wie möchte ich vertreten werden?

  • Wer soll Verantwortung tragen?

  • Welche Werte sollen erhalten bleiben?

  • Wie wird unternehmerische Kontinuität gesichert?

Ganzheitliches Recht verbindet juristische Präzision mit menschlicher Verantwortung.

Fazit

Der Vorsorgeauftrag ist in der Schweiz ein starkes Instrument der Selbstbestimmung. Doch seine Wirkung entfaltet sich nur im Zusammenspiel mit:

  • Güterrecht

  • Erbrecht

  • Unternehmensstruktur

  • internationaler Prüfung

  • familiärer Dynamik

Ganzheitliche Nachlassplanung bedeutet

  • ✔ Regelung der Handlungsunfähigkeit

  • ✔ strategische Erbplanung

  • ✔ internationale Überprüfung

  • ✔ unternehmerische Kontinuität

  • ✔ Prävention familiärer Konflikte

Nachlassplanung beginnt nicht beim Tod.
Sie beginnt mit der Verantwortung, rechtzeitig zu handeln.

Wer ganzheitlich plant, schützt nicht nur Vermögen – sondern Entscheidungsfähigkeit, Stabilität und familiären Frieden über Generationen hinweg.

 

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Dominique Calcò Labruzzo

Rechtsanwältin für Erbrecht

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Dominique Calcò Labbruzzo

Rechtsanwältin für Erbrecht

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